Kaum hat der Winter das Hochland von Gran Canaria erreicht, entfaltet sich, wie ein alljährlich erneuertes Versprechen, das Spektakel: die Mandelblüte. Es sind nicht einfach nur Blumen; sie sind Pinselstriche der Geschichte, ein zeremonieller Mantel aus Weiß und Rosa, der sich über das tiefe Grün von Tejeda, Valsequillo und natürlich San Bartolomé de Tirajana erstreckt. In dieser vergänglichen Landschaft wohnt die Seele des Gipfels, eine historische und kulturelle Verbindung, so süß wie der Samen selbst.
Das Kanarische Institut für Traditionen (ICT) merkt an, dass diese Frucht „ab dem 15. Jahrhundert mit den Siedlern auf die Inseln kam und sich in Gemeinden wie San Bartolomé de Tirajana, Tejeda, Valsequillo, im Hochland von Ingenio (La Pasadilla), Artenara, San Mateo und einem kleinen Gebiet im Hochland des Agaete-Tals weit verbreitete, wobei in den ersten drei die größten Waldgebiete erhalten sind.“ Man schätzt, dass es auf Gran Canaria über 50 verschiedene Mandelsorten gibt, darunter viele jahrhundertealte Mandelbäume. Zu den bekanntesten Sorten bei den Einheimischen zählen die „Mollar“, die sich durch ihre große Süße auszeichnet, die sogenannte „Doppelkern“-Mandel, die in Valsequillo und Tejeda verbreitet ist, und die „Fallía“ oder „Moruna“ mit ihrer sehr harten Schale und dem süßen Fruchtfleisch. „Unter allen Sorten gab es schon immer Bittermandelbäume, die sich von den übrigen dadurch unterschieden, dass die Besitzer einen Stein zwischen ihre Zweige legten“, weist das ICT darauf hin.
Die Mandel, oder der Mandelbaum, wie er auf den Kanarischen Inseln liebevoll genannt wird, kam nicht allein; sie brachte eine ganze Lebensweise mit sich. Die jahrhundertealten Sorten – die süße Mollar, die saftige Doppel-Pepita – die in diesem Hochland mit ihren harten oder weichen Schalen beheimatet sind, waren jahrhundertelang Lebensgrundlage und fester Bestandteil des sozialen Lebens. Wer könnte die Erinnerung an die „Juntas“ vergessen? Jene Sommernächte, in denen sich die Bewohner von Tejeda und Tirajana nach getaner Arbeit nicht nur versammelten, um die kostbaren Früchte zu schälen, sondern auch, um Geschichten zu erzählen, sich zu unterhalten und in der Wärme ihrer Arbeit zu tanzen.
Gerade in diesem Kontext tiefer Wurzeln und Traditionen braut sich ein Kampf der Aromen und des Stolzes zusammen, der an Absurdität grenzt. Während Tirajana das Erbe seiner jahrhundertealten Mandelbauern verteidigt, flirtet Tejeda in den Medien mit der Werbung für die Nuss eines Industriegiganten: Ferrero Rocher-Haselnüsse. Und genau hier bricht das Herz und der Inselstolz erwacht. Wie kann der süße, einheimische Schatz des Hochlands, die edelste und älteste Mandel der Insel, vom vergänglichen Glanz und den importierten Haselnüssen einer Schokolade, die Luxus vortäuscht, in den Schatten gestellt werden? Das Marzipan aus Teror, die Bienmesabe aus Tejeda, die handgemachten Polvorones … sie alle sind direkte Nachkommen dieser Frucht, die von den Männern geschüttelt und von den Frauen des Hochlands geerntet wurde.
Die Mandel von Gran Canaria ist an sich schon ein sentimentales Herkunftszeichen. Ihr Holz wärmte Häuser, ihre Schalen schürten Feuer und ihr Öl heilte Wunden. Sie ist das lebendige Erbe einer Landschaft, die von Fleiß und Gemeinschaft geprägt ist. Im Gegensatz zum flüchtigen Interesse an der Vermarktung einer globalen Marke liegt der wahre Reichtum in der rosa und weißen Blüte, die uns jedes Jahr aufs Neue daran erinnert, dass das Herz der Insel im unverwechselbaren Duft ihrer eigenen Mandel schlägt. Es ist ein Erbe, das weder goldene Verpackungen noch festliche Lichter braucht, sondern vielmehr die Anerkennung seiner eigenen Geschichte.











